Gemeinwohl_Ökonomie

14 Jan Gemeinwohl-Ökonomie – Wirtschaften für die Gemeinschaft

Die Anzahl der Ideen für zukünf­tige und zukunfts­fä­hige Wirt­schafts­mo­delle sind heute so viel­fäl­tig wie zu kaum einer ande­ren Zeit. Es ent­ste­hen viele Bewe­gun­gen, die sich mit nach­hal­ti­gem Wirt­schaf­ten beschäf­ti­gen und Über­le­gun­gen anstel­len, wie die­ses erreicht wer­den kann und wel­chen Wer­ten ein zukunfts­fä­hi­ges Wirt­schafts­mo­dell fol­gen sollte. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine die­ser neue­ren Bewe­gun­gen, die eine alter­na­tive Wirt­schafts­ord­nung durch­set­zen möchte.

Die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie

Die Gemeinwohl-Ökonomie ver­steht sich als Wirt­schafts­mo­dell, wel­ches zukunfts­fä­hi­ges Wirt­schaf­ten in den Fokus stellt. Dabei möchte die Gemein­wohl (GW)-Bewegung einen demo­kra­ti­schen und par­ti­zi­pa­ti­ven Pro­zess im Wirt­schafts­sys­tem eta­blie­ren. Diese alter­na­tive Wirt­schafts­ord­nung muss ent­spre­chend auf wirt­schaft­li­cher, poli­ti­scher aber auch auf gesell­schaft­li­cher Ebene umge­setzt wer­den. Die grund­le­gen­den Ele­mente die­ser Idee sind dabei Men­schen­würde, Soli­da­ri­tät, öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit, soziale Gerech­tig­keit sowie demo­kra­ti­sche Mit­be­stim­mung und Transparenz.

Die GW-Ökonomie in der Wirtschaft

Für die Wirt­schaft stellt die Gemeinwohl-Ökonomie eine anwen­dungs­be­zo­gene Alter­na­tive dar, die Unter­neh­men unter­schied­lichs­ter Grö­ßen und Rechts­for­men ein­set­zen kön­nen. Der Zweck des Wirt­schaf­tens ist jedoch das Gemein­wohl. Die Beur­tei­lung des Unter­neh­mens­er­folgs wird nicht an Wachs­tums– und Gewinn­ra­ten, son­dern anhand von gemein­wohlo­ri­en­tier­ten Wer­ten vorgenommen.

Die GW-Ökonomie in der Politik

Die Bewe­gung der Gemeinwohl-Ökonomie will auf poli­ti­scher Ebene recht­li­che Ver­än­de­run­gen bewir­ken, die ein gemein­wohlo­ri­en­tier­tes Wirt­schafts­sys­tem unter­stüt­zen und dadurch ein gutes Leben für sämt­li­che Lebe­we­sen des Pla­ne­ten und die Erde selbst stärken.

Die GW-Ökonomie in der Gesellschaft

Auch auf gesell­schaft­li­cher Ebene möchte die Bewe­gung eine Ver­än­de­rung her­bei­füh­ren. Bewusst­seins­bil­dung für einen Sys­tem­wan­del, der auf Wert­schät­zung basiert, dafür macht sich die GW-Bewegung stark.

Die Gemeinwohl-Bilanz: Was zukunfts­fä­hige Unter­neh­men leis­ten sollten

Die GW-Bewegung hat die sog. Gemeinwohl-Matrix ent­wi­ckelt, wel­che zeigt, wie die Werte der GW-Ökonomie im unter­neh­me­ri­schen All­tag gelebt wer­den kön­nen. Die GW-Matrix ver­an­schau­licht die Werte der GW-Ökonomie (Men­schen­würde, Soli­da­ri­tät, öko­lo­gi­sche Nach­hal­tig­keit, soziale Gerech­tig­keit sowie demo­kra­ti­sche Mit­be­stim­mung & Trans­pa­renz) und die Berüh­rungs­punkte (Lie­fe­ran­ten, Geld­ge­ber, Mit­ar­bei­ter, Kun­den und gesell­schaft­li­ches Umfeld) zu einem Unter­neh­men. Nach einem Punk­te­sys­tem kön­nen Unter­neh­men GW-Punkte sam­meln, aber auch Minus-Punkte für nega­ti­ves Ver­hal­ten erhal­ten, wie z.B. bei Ver­let­zung von Men­schen­rech­ten oder bei geplan­ter Obso­les­zenz. In einer Gemeinwohl-Bilanz wird die gesamt erreichte Punkt­zahl ermit­telt und die Leis­tung des Unter­neh­mens aus­führ­lich dargestellt.

Mit dem Punk­te­sys­tem will die GW-Bewegung für einen Sin­nes­wan­del in Wirt­schaft und Poli­tik sor­gen. Anstelle schär­fe­rer recht­li­cher Anfor­de­run­gen und Unter­neh­men für Fehl­ver­hal­ten zu sank­tio­nie­ren, soll fortan ein Anreiz­sys­tem geschaf­fen wer­den, bei dem Unter­neh­men für gemein­wohlo­ri­en­tier­tes Ver­hal­ten belohnt wer­den. Ein mög­li­ches Sys­tem sieht die Gemeinwohl-Ökonomie in der Gestal­tung eines fünf-stufigen Steu­er­sys­tems. Hier­nach müs­sen Unter­neh­men mit einer beson­ders guten Gemeinwohl-Bilanz (also mit einer hohen GW-Punktzahl) keine Umsatz­steuer zah­len und mit abstei­gen­der GW-Punktzahl wer­den die zu zah­len­den Umsatz­steu­er­be­träge ent­spre­chend anstei­gen. Hier­mit soll ein Anreiz geschaf­fen wer­den, dass Unter­neh­men aus freien Stü­cken gemein­wohlo­ri­en­tier­ter Wirtschaften.

Die Gemeinwohl-Ökonomie in der Kritik

Die Idee der Gemeinwohl-Ökonomie trifft nicht nur auf Befür­wor­ter. Es haben sich bereits meh­rere Ver­tre­ter aus Wis­sen­schaft und Wirt­schaft kri­tisch zu einer gemein­wohlo­ri­en­tier­ten Wirt­schafts­ord­nung geäu­ßert. Einige aus­ge­wählte Punkte, wel­che Kri­ti­ker an der Gemeinwohl-Ökonomie bemän­geln, wer­den kurz erläutert.

Zum einen sei es bereits falsch, die Gemeinwohl-Ökonomie als markt­wirt­schaft­li­ches Sys­tem anzu­se­hen, da die Markt­wirt­schaft laut Defi­ni­tion den Wett­be­werb als zen­tra­les Ele­ment ver­steht und die Gemeinwohl-Ökonomie hier keine Alter­na­tive for­mu­liert, sagen viele Kritiker.

Eine wei­tere Kri­tik an der Gemeinwohl-Ökonomie besteht hin­sicht­lich der von Unter­neh­men berich­te­ten Gemeinwohl-Bilanz. Unter­neh­men die sich demo­kra­tisch, soli­da­risch, sozial ver­ant­wort­lich und öko­lo­gisch nach­hal­tig ver­hal­ten, wer­den durch Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen oder ande­ren För­de­run­gen belohnt. Kri­ti­ker sehen das „Gemein­wohl“ an eine abs­trakte und nicht mess­bare Größe an, wel­che nicht die Basis eines Anreiz­sys­tems dar­stel­len sollte.

Über­schuss an die Gemein­schaft statt Gewinn, auch dies wird häu­fig scharf kri­ti­siert. Unter­neh­men sol­len nach der Gemeinwohl-Ökonomie keine Gewinne erzie­len, die am Ende des Jah­res an die Kapi­tal­ge­ber aus­ge­schüt­tet wer­den, son­dern erwirt­schaf­tete Über­schüsse wer­den an die Mit­ar­bei­ter des Unter­neh­mens aus­ge­schüt­tet. Hier­durch würde der Anreiz für unter­neh­me­ri­sches Han­deln weg­fal­len, da Unter­neh­mer zwar das Risiko tra­gen müs­sen, aber keine Aus­sicht auf „Erfolg“ mehr haben.

Wird sich die Gemeinwohl-Ökonomie durchsetzen?

Nach­hal­tige Ent­wick­lung bedingt ein zukunfts­fä­hi­ges Wirt­schafts­sys­tem und die Anzahl alter­na­ti­ver Wirt­schafts­ord­nun­gen, wel­che auf Kri­te­rien einer Nach­hal­ti­gen Ent­wick­lung basie­ren neh­men stark zu. Die Bewe­gung der Gemeinwohl-Ökonomie ist in den letz­ten Jah­ren enorm gewach­sen und stößt ins­be­son­dere durch ein neu gedach­tes Anreiz­sys­tem auf gro­ßen Anklang. Damit sich diese alter­na­tive Wirt­schafts­ord­nung tat­säch­lich rea­li­sie­ren lässt, müs­sen jedoch Fra­gen nach u.a. Wett­be­werb, Mes­sung des Gemein­wohls, unter­neh­me­ri­sche Gewinn­erzie­lung geklärt werden.

 

AUTOR

Niels Chris­ti­an­sen ist Grün­der und Geschäfts­füh­rer der sus­tai­ne­ra­tion UG. Er denkt, es sollte mehr Ansätze geben, die sich mit der Beloh­nung für ver­ant­wor­tungs­vol­les Ver­hal­ten beschäf­ti­gen. Moti­va­tion ist bes­ser als Sanktion.

Share this: